Erinnerungslücken. Bund will sowjetische Kriegsgefangene nicht entschädigen

Unter dieser Überschrift schrieb  KATJA TICHOMIROWA in der Berliner Zeitung vom 4.7.2014: Bergen-Belsen gehört zu den bekannteren Stätten von Nazi-Gräueltaten. Dass Anne Frank dort starb, weiß jedes Schulkind. Dass in dem KZ auch 50000 sowjetische Kriegsgefangene an Hunger, Erschöpfung und Epidemien starben, nahm die Öffentlichkeit erst spät wahr. Noch später wurde aus dem „Russen-Friedhof’, wie ihn die Belsener nannten, eine eigene Gedenkstätte. Quälend langsam setzte sich die Bundesrepublik mit  den nationalsozialistischen Verbrechen auseinander, zu spät für viele Opfer, zu spät vor allem für Entschädigungszahlungen, die ihnen das Leben nach dem Überleben erleichtert hätten. Sowjetische Kriegsgefangene waren eine der größten Opfergruppen. Von 1941 bis 1945 starben in deutschem Gewahrsam mehr als 60 Prozent der bis zu sechs Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen. Ihr Tod wurde nicht nur billigend in Kauf genommen, ihre Vernichtung war vorgesehen. Mit einem Antrag vom Juni vergangenen Jahres wollten SPD und Grüne ihre Anerkennung als Opfer von Nazi-Unrecht sowie eine symbolische finanzielle Entschädigung erreichen. Der Antrag wurde auch von Unionsabgeordneten begrüßt, seither aber offenbar vergessen. Der Grünen-Politiker Volker Beck wandte sich zuletzt im Januar an die Bundestagsfraktionen. Die SPD, nun selbst in der Regierung, konnte sich an ihr Engagement vom Vorjahr aber offenbar nicht mehr erinnern. Schließlich richtete Beck eine schriftliche Anfrage an die Bundesregierung: Ob sie beabsichtige, „die an ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen als nationalsozialistisches Unrecht anzuerkennen” – einen symbolischen finanziellen Betrag inklusive? Nein, antwortete ihm das Innenministerium am 26. Juni. „Alle Bundesregierungen” hätten „nach Kräften auf Wiedergutmachung und Versöhnung hingewirkt”. Erwähnt werden Stiftungen zugunsten von NS-Opfern in Warschau, Moskau, Minsk und Kiew, die „mit 0,766 Milliarden Euro ausgestattet” worden seien. Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) habe darüber hinaus zivile Zwangsarbeiter entschädigt, heißt es in dem Schreiben, das der Berliner Zeitung vorliegt. Eine Entschädigung für sowjetische Kriegsgefangene aber ist nicht vorgesehen. Sie sei bei der Einrich­tung der Stiftung EVZ ausdrücklich ausgeschlossen worden. Schließlich habe es auch „keine Entschädigung deutscher Kriegsgefangener durch die Sowjetunion oder deren Nachfolgestaaten” gegeben. Die Grünen wollen nun nach der Sommerpause „die deutsche Verantwortung für diese Verbrechen er­neut einfordern”, so Volker Beck.

Leserbrief von Irmingard Weise, abgedruckt in der Berliner Zeitung vom 12./13. Juli 2014, S. 24 auf obigen Artikel:

Es ist eine Tatsache,daß das Leid sowjetischer Kriegsgefangener in Nazideutschland  im Vergleich mit den Schrecken des Holocaust  einerseits und  mit dem harten Los der deutschen Kriegsfangenen in Sibirien andererseits  immer zu wenig gewürdigt worden  ist und wird.   Einzig der kleine und sehr engagierte ,in Berlin ansässige Verein Kontakte-Kontakty  bringt seit vielen Jahren kleine symbolische Geldsummen aus Spenden nach Weissrussland, Armenien ,Georgien , in die Ukraine und nach Russland. In den Briefen der alten Menschen kann man lesen, wie wichtig ihnen diese Geste ist und wie  erschütternd und unmenschlich ihre Lebensbedingungen in der Gefangenschaft waren.
Jetzt ist im Bundestag ein Antrag auf Anerkennung der ehemaligen sowjetischen Gefangenen als Opfer von Nazi-Unrecht  ein ganzes Jahr liegen geblieben und  das  Innenministerium blockt das Anliegen komplett ab.
Bald lebt niemand mehr, den eine solche dringend notwendige Geste der Versöhnung erreichen könnte. Darauf zu warten, ist eine Schande.